That is why Russia is abducting children to North Korea (in German)
Dass Russland ukrainische Kinder aus besetzten Gebieten entführt, ist nicht neu. Dass einige diese Kinder bis nach Nordkorea geschickt werden, schon. Wir haben darüber mit einer Expertin gesprochen.
Offiziellen Angaben der Ukraine zufolge hat Russland mehr als 19.500 ukrainische Kinder entführt. (Symbolbild) © picture alliance / ASSOCIATED PR/Anna SzilagyiSongdowon – das klingt nach Ferien. Zumindest, wenn man nach der Beschreibung und Bildern dieses Freizeitcamps geht. Ein Ort, an dem Kinder im Wasserpark toben, am Strand liegen, im Aquarium Fische anschauen, abends in einem Schlafsaal einschlafen. Kinder sollen hier “eine gute, unterhaltsame und unvergessliche Zeit” haben, wie es eine russische Beauftragte einmal beschrieb.
Und dann tauchen in dieser Kulisse zwei Namen auf: Mischa, zwölf Jahre alt, aus der von Russland besetzten ukrainischen Region Donezk. Liza, 16, aus Simferopol auf der von Russland annektierten Krim. Anfang Dezember machte Kateryna Raschewska vom ukrainischen Regionalen Zentrum für Menschenrechte vor einem Unterausschuss des US-Kongresses öffentlich: Russland hat diese beiden ukrainischen Kinder in dieses nordkoreanische Lager geschickt – als Teil russischer Kindergruppen.
Ist dies nun eine neue Eskalationsstufe im russischen Krieg gegen die Ukraine – oder führt Russland nur seine bisherige Strategie fort? Schliesslich ist seit Jahren bekannt, dass Russland ukrainische Kinder verschleppt. Deshalb hatte der Internationale Strafgerichtshofbereits im Jahr 2023 Haftbefehl gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Kinderschutzbeauftragte Maria Lwowa-Belowa erlassen. Es ist wohl beides – eine Eskalation und eine Fortsetzung, sagt Onysiia Syniuk auf Anfrage unserer Redaktion. Sie ist Rechtsanalystin des ukrainischen Menschenrechtszentrums ZMINA und Leiterin der Forschungsabteilung dieser NGO. Das neue Element, sagt sie, ist die Geografie. Das Muster dahinter sei dagegen längst erkennbar.
Darum verschleppt Russland Kinder nach Nordkorea
Syniuk sagt, Putins Strategie habe sich über die Jahre der Invasion verändert. 2022 habe sich Russland vor allem auf Massenabschiebungen aus den besetzten Gebieten konzentriert. In den Jahren 2024 und 2025 allerdings habe sich der Ansatz verändert. Nachdem die Besatzungsverwaltungen etabliert und “alle notwendigen Systeme zur Indoktrinierung und Militarisierung” in den besetzten Gebieten aufgebaut worden seien, verlagere sich der Schwerpunkt darauf, Kinder dort zu prägen, wo sie bereits leben. Russland müsse nicht mehr jedes Kind physisch umsiedeln, um sein Weltbild zu verändern. Es reiche, Kinder in ein System zu integrieren, in dem Krieg, Gehorsam und Loyalität gegenüber dem Staat als normal gelten.
Gerade deshalb sind Lager wie Songdowon keine harmlose Kulisse, sondern ein Werkzeug, wie die Expertin erklärt. “Das sind keine gewöhnlichen Sommerlager”, sagt sie. “Es sind geschlossene Umgebungen, in denen Freizeit mit Propaganda, Verherrlichung des Staates und Rechtfertigung von Unterdrückung verbunden wird.” Der Effekt werde verstärkt, wenn Kinder aus ihrer vertrauten Umgebung herausgelöst werden. Vor allem, wenn sie während ihres Aufenthalts von vertrauten Erwachsenen isoliert sind. Eltern, Verwandte, Bezugspersonen fehlen als Korrektiv. Der Einfluss auf sie wird also umso leichter.
Dazu kommt ein zweiter Hebel: Russland nutze bereits indoktrinierte und militarisierte Jugendliche aktiv, um Gleichaltrige zu beeinflussen. Indem man “Sprachrohre” in der eigenen Altersgruppe schafft, wird Propaganda sozial verträglicher verpackt. Und damit wirksamer. Dass Mischa und Liza nicht zufällig ausgewählt wurden, passt in dieses Bild. Syniuk sagt, die beiden seien bereits in russischen paramilitärischen Jugendstrukturen aktiv gewesen.
Reisen werden als Belohnung gehandelt
Die Reise nach Nordkorea ist damit weniger ein Sprung ins Unbekannte als eine Ausweitung eines bekannten Systems. Die Praxis, Kinder in militärisch-patriotische Lager zu schicken, sie in militarisierte Jugendbewegungen einzubinden und der ideologische Lehrplan in Schulen in den besetzten Gebieten existieren bereits, sagt Syniuk. ZMINA habe zudem Fälle dokumentiert, in denen Kinder aus besetzten Gebieten nach Belarus geschickt und ähnlichen Programmen unterzogen wurden.
Neu ist der Expertin zufolge, dass Moskau Kinder nun einem anderen Extremmodell von Gesellschaft aussetzt: ohne Meinungsfreiheit, ohne freies Internet, ohne Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen – und ihnen vermittelt, das sei akzeptabel, ein Ideal. Zumal solche Reisen oft als “Belohnung” präsentiert würden.
Offiziellen Angaben der Ukraine zufolge hat Russland mehr als 19.500 ukrainische Kinder entführt. Dabei handelt es sich allerdings nur um die bestätigten Fälle. Kiew geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher sein könnte.
Juristisch heikel ist diese Angelegenheit, weil nicht festgestellt werden kann, ob diese Kinder entführt wurden. Das erklärte Kateryna Raschewska vom Regionalen Zentrum für Menschenrechte der Ukraine gegenüber der “Deutschen Welle”. “Derzeit gibt es keine ausreichenden Beweise, um Elemente einer rechtswidrigen Deportation zu bestätigen”, sagte sie. Gleichzeitig könne man andere Verletzungen von Kinderrechten feststellen: darunter politische Indoktrination, Elemente der Militarisierung und die Nutzung in der russischen Propaganda. Rashewska verweist dabei auf Artikel 50 der Vierten Genfer Konvention, der diese Instrumentalisierung und die Einbindung in Formationen oder Organisationen verbietet.
Moskau intensiviert seine Beziehungen zu Nordkorea
Dass nun Nordkorea in dieser Geschichte auftaucht, ist für die Menschenrechtsexpertin Syniuk ein Signal, dass Moskau seine Beziehungen zu anderen autoritären Regimen ausbaut und festigt. Und sie sagt: “Dies geschieht nicht, um Frieden zu schaffen, sondern um sich Verbündete für weitere Aggressionen und fortgesetzte Verstösse zu sichern.”
Im Rahmen dieser Allianz habe Nordkorea Munition und Truppen für den Krieg in der Ukraine geliefert, während Russland sich mit Lebensmitteln, Treibstoff und Militärtechnologie revanchiert habe. Inzwischen gibt es von nordkoreanischer Seite auch eine offizielle Bestätigung, dass das Land Truppen in Russland hatte: Kim Jong Un begrüsste erst kürzlich Soldaten, die von der Front heimgekehrt waren. In dieser Konstellation – dem gegenseitigen Geben und Nehmen zweier Autokratien – nutze Putin ukrainische Kinder als Instrumente einer Art “Kinderdiplomatie”.
Was aber folgt daraus für Europa? Deutschland und die EU, meint Syniuk, sollten diese Entwicklung als Zeichen werten, dass Russland seine Kooperation mit autoritären Regimen ausbaut – und politische Entscheidungen zu Russland wie zu Nordkorea dürften diese Zusammenarbeit nicht ausblenden. Realistische Hebel gegenüber Nordkorea sieht sie vor allem indirekt: über Partner, über Verbündete Nordkoreas – und über Druck auf Russland selbst. Weitere Sanktionen und politischer Druck auf Russland würden sich auch auf Pjöngjang auswirken. Zentral sei ein koordinierter Sanktionsansatz, verbunden mit sorgfältiger Überwachung von Umgehungsmöglichkeiten – auf EU-Ebene und mit den engsten Verbündeten durch parallele, harmonisierte Sanktionen.
Bleibt die Frage, wie das Thema politisch verankert wird. Syniuk verweist auf die jüngste Resolution der UN-Generalversammlung zu ukrainischen Kindern. Hierbei forderten die Vereinten Nationen von Russland, die zehntausenden Kinder, die während des Krieges entführt wurden, wieder freizulassen. Neben Russland stimmten indes elf Mitgliedsstaaten gegen diese Resolution, darunter Belarus, Nordkorea und Iran. Dennoch, sagt Syniuk, sei dies ein Schritt in die richtige Richtung. Trotzdem werde viel über Verstösse diskutiert, aber zu wenig über praktische Schritte.
Forderung nach höherem Druck auf Russland
Für sie liegt der Kern in konkreten Forderungen: Die Rückkehr der ukrainischen Kinder erfordere Druck auf Russland, die Zahlen, Identitäten und Aufenthaltsorte der deportierten und zwangsweise umgesiedelten Kinder offenzulegen. Ausserdem müsse internationalen Organisationen Zugang zu den Kindern gewährt werden. Alle rechtswidrigen Praktiken der Deportation müssten sofort eingestellt werden. Dabei spricht Syniuk von Zwangsumsiedlung, Indoktrination und Militarisierung, von der Auferlegung der russischen Staatsbürgerschaft und der Unterbringung in russischen Familien. All diese Elemente, sagt sie, sollten unbedingte Voraussetzung für alle Friedensverhandlungen sein.
Auch kommunikativ warnt Syniuk vor der naheliegenden Versuchung: Das gefährlichste sei, solche Fälle als exotisch oder marginal zu behandeln – oder sie als Sensation zu erzählen. “Hier geht es nicht um zwei Teenager”, sagt sie, “sondern um ein Modell.”
Source: GMX
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